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Warum der Staat Wissen statt Daten steuern muss

  • 31. Juli
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Die eigentliche Ressource des 21. Jahrhunderts ist nicht Information, sondern Wissen.


Im ersten Beitrag dieser Reihe wurde die These vertreten, dass das New Public Management und die Digitalisierung an ihre Grenzen stoßen. Beide Reformansätze haben den Staat effizienter gemacht, beantworten jedoch nur unzureichend die Frage, wie politische Entscheidungen unter den Bedingungen wachsender gesellschaftlicher Komplexität vorbereitet werden können.


Der Grund dafür liegt möglicherweise in einem grundlegenden Missverständnis:

Wir sprechen häufig über Daten, obwohl wir eigentlich Wissen benötigen.


Der Staat verfügt heute über mehr Informationen als jemals zuvor. Register, Fachverfahren, Sensoren, Geodaten, Statistiken und digitale Verwaltungsprozesse erzeugen täglich enorme Datenmengen. Mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz wächst zudem die Fähigkeit, diese Informationen auszuwerten und Muster zu erkennen.


Dennoch bleibt eine einfache Erkenntnis bestehen:

Mehr Daten führen nicht automatisch zu besseren Entscheidungen.


Der Grund ist offensichtlich. Daten besitzen für sich genommen keine Bedeutung. Erst wenn sie in einen Zusammenhang eingeordnet werden, entstehen Informationen. Erst wenn Informationen miteinander verknüpft, interpretiert und bewertet werden, entsteht Wissen.


Politische Entscheidungen beruhen deshalb nicht auf Daten, sondern auf Wissen.


Gerade darin liegt die eigentliche Herausforderung moderner Staatssteuerung.


Politische Entscheidungen betreffen selten nur einen einzelnen Verwaltungsbereich. Eine Entscheidung über den Ausbau erneuerbarer Energien beeinflusst beispielsweise Wirtschaft, Infrastruktur, Raumordnung, Naturschutz, Versorgungssicherheit und kommunale Entwicklung zugleich. Ähnlich verhält es sich bei Wohnungsbau, Bildung, Migration oder Gesundheitspolitik. Staatliches Handeln entfaltet Wirkungen über Ressort-, Behörden- und Verwaltungsebenen hinweg.


Das hierfür notwendige Wissen ist jedoch meist über zahlreiche Informationssysteme verteilt. Unterschiedliche Behörden beschreiben dieselbe Wirklichkeit mit unterschiedlichen Begriffen, Datenmodellen und Zuständigkeiten. Jeder Bereich optimiert seine eigenen Informationen. Ein gemeinsames Verständnis der staatlichen Wirklichkeit entsteht daraus nur selten.


Deshalb liegt das eigentliche Defizit des Staates nicht im Mangel an Daten. Es liegt im Mangel an gemeinsam organisiertem Wissen.


Auch künstliche Intelligenz verändert diese Ausgangslage nur begrenzt. KI kann Daten schneller analysieren und Zusammenhänge erkennen. Sie kann jedoch nur mit dem arbeiten, was ihr zur Verfügung steht. Sind Informationen unvollständig, widersprüchlich oder organisatorisch voneinander getrennt, entstehen auch nur begrenzt belastbare Erkenntnisse.


Die eigentliche Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz künstlicher Intelligenz ist deshalb nicht mehr bloße Rechenleistung. Sie ist eine gemeinsame Wissensbasis.


Hier liegt möglicherweise der entscheidende Unterschied zwischen Digitalisierung und einer neuen Form staatlicher Steuerung. Digitalisierung verbessert die Verfügbarkeit von Informationen.


Wissensorientierte Staatssteuerung organisiert die Bedeutung von Informationen.


Das erscheint zunächst wie ein kleiner Unterschied. Tatsächlich verändert er jedoch das Verständnis staatlicher Steuerung grundlegend. Denn der Staat steuert dann nicht mehr ausschließlich Ressourcen, Leistungen oder Kennzahlen. Er steuert seine Fähigkeit, die Wirkungen politischen Handelns zu verstehen, aus Erfahrungen zu lernen und dieses Wissen für zukünftige Entscheidungen verfügbar zu machen.


Wissen wird damit selbst zu einer strategischen Ressource des demokratischen Staates.


Diese Perspektive eröffnet einen neuen Blick auf die Modernisierung des öffentlichen Sektors.


Die entscheidende Frage lautet künftig nicht mehr:

Wie digital ist unsere Verwaltung?


Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Wie gut versteht der Staat die Wirkungen seines eigenen Handelns?


Die Antwort auf diese Frage entscheidet darüber, ob der Staat auch unter den Bedingungen künstlicher Intelligenz handlungs- und entscheidungsfähig bleibt.


Im nächsten Beitrag geht es deshalb um die Konsequenz dieser Überlegung:

Warum ein demokratischer Staat ein Betriebssystem für Wissen benötigt.

 
 
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